Kielfeder
  An der Bushaltestelle
 
"Erfahrungen an der Bushaltestelle

Die Bushaltestelle war restlos überfüllt. Und doch hatte ich mir noch einen Sitzplatz unter dem kleinen Haltestellendach ergattern können. Manchmal kommt es einem eben doch ganz gelegen, wenn man grundsätzlich zwanzig Minuten vor Abfahr des Busses da ist.
Besonders viel Zeit, um mich über meinen errungenen Sitzplatz zu freuen, blieb mir jedoch nicht. Es waren kaum zehn Sekunden vergangen, als ich Gesellschaft kam. Und ehe ich wusste, wie mir geschah, kauerte ich auch schon unangenehm eingequetscht zwischen zwei gewaltigen Bergen ... pardon, Frauen natürlich! Ihre beängstigend große Oberweite nahm mir augenblicklich die Luft zum Atmen. Das armselige Fünkchen Restsauerstoff, das mir in meiner misslichen Lage noch geblieben war, vermengte sich munter mit einer Mischung aus süßlichem Schweiß und einem strengen Citrusparfüm. Wie Säure fraß sich diese unangenehme Duftwolke in meine Nase. Die Frauen mussten sich bei der Parfumwahl abgesprochen haben. Mein Geruchssinn wünschte sich verzweifelt, es wäre anders gewesen.
Als ich mit einem vorsichtigen Räuspern auf mich aufmerksam machte, wurden mir zwei missbillig verzogene Gesichter zugewandt. Welch riesige Ähnlichkeit mit zwei gekochten Krebsen! Ich konnte mir ein Grinsen in der Enge nicht verkneifen. Die Mienen verschärften sich zu wütenden Grimassen, und die Dunstglocke um mich vergrößerte sich drastisch. Sie rückten noch näher an mich heran. Näher und näher und näher. So nah, dass ich Schweißperlen auf ihren geröteteten Stirnen erkennen konnte.
Und als wäre all das nicht schlimm genug, nahm mir plötzlich etwas die Sicht auf die beiden Krebsgesicht. Das Etwas war ein Po. Ein überdimensional großer XXL-Po, verpackt in einer stinkenden, schwarzen Jeans. Er schob sich vor mein Gesicht. Ich röchelte panisch. Mein Geruchssinn rebellierte bereits. Himmelherrgott ... wo waren meine Hände? Ich konnte sie kaum noch fühlen! Nach Luft ringend versuchte ich, sie zu orten, um mich aus dieser misslichen Lage zu befreien. Als ich an meinen Armen hinunterblicke, endeten diese jeweils in den Rettungsringen der Berge ... ähm ... Krebse ... der netten FRAUEN, mit denen ich eben schon Freundschaft geschlossen hatte.
Mit Mühe beförderte ich eine feuchte Hand aus den Massen empor. Ich hatte keine Zeit mich zu ekeln, und stieß mit ihr endlich das fremde Gesäß aus meinem Luftraum.
Eine erschreckend riesige Pranke (sie gehörte wohl zu der Pobesitzerin) schwenkte nach hinten, um die offenbar schmerzende Stelle zu betasten. Ehe sie jedoch ihr Ziel erreicht hatte, landete sie im Gesicht einer der Frauen. Eine deftige Ohrfeige traf die ohnehin gerötete Wange.
Die zweite Frau (die, wie ich in diesem Augenblick feststellte, wahrscheinlich die Zwillingsschwester war) sprang empört auf. Dabei riss sie leider einige Leute um, die sich mutigerweise in ihre Nähe gestellt hatten.
Der Mann vor mir, bekam von alledem nichts mit. Aus einem Player dröhnte lautstarke Musik. Plötzlich wurden ihm die Ohrhörer von ein paar dicken Wurstfingern entrissen. Sein zierliches Gesicht bekannte langsam kräftigere Farbe. Das Fräulein ließ ihm ein paar leise zugeraunte Worte über Achtung und Respekt zukommen, worauf sich die halbe Besatzung der Bushaltestelle nach ihr umdrehte.
Kurz darauf verabschiedeten sich die liebreizenden Zwillinge herzlich und mit zum Spaß erhobenen Zeigefinger. Sie zeigten allen, die es sehen wollten (oder nicht schnell genug wegsahen) noch einen ganz besonderen Catwalk, nämlich den der dicken Menschen, ehe sie sich scherzend einen Fensterplatz im einfahrenden Bus suchten.
Ich entschied spontan, auf den nächsten Bus zu warten.





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